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Camera Review: Vergleich der Olympus MJU gegen die Canon Prima Mini. Oder: Die 1€ plus porto challenge! – Andreas Zieroth

Letzen Sommer hatten wir in der Firma ein wöchentliches Englisch Training bei einem jungen US-Amerikanischen Lehrer. Als er irgendwann meine ausgeprägte Affinität zur Fotografie erkannte, zeigte er mir nach einer Trainingsstunde stolz ein paar Bilder, die er mit so einer Wegwerfkamera geschossen hatte, die man in jedem Drogeriemarkt kaufen kann. Er erklärte, dass er so ein Plastikteil immer bei sich, trägt, um Erinnerungen aus dem Alltag festzuhalten.

Einige werden jetzt darüber schmunzeln. Ich auch. Zuerst. Auf den zweiten Blick waren unter all den persönlichen Erinnerungen aber auch ein paar wirklich gelungene Fotos dabei. „Warum er denn nicht digital oder mit dem Smartphone fotografiere ?“ , hab ich ihn gefragt. Oh, er „mag keine Smartphones, benutzt auch keins und Film hat sowieso viel mehr Seele„ , grinste er mich an.

Ok, dachte ich, der ist schon sehr analog unterwegs. Ich schlug ihm vor, doch mal in Glas zu investieren und es vielleicht mit einer richtigen Kamera ohne diese schlechten Platiklinsen zu versuchen. Einige seiner Abzüge waren doch ziemlich unscharf, unterbelichtet und körnig. Außerdem würde ihm zudem die ganze Welt der analogen Fotografie offen stehen, versuchte ich ihn zu überzeugen. zB. Schwarzweiß- oder Diafilm, oder auch mal eine Crossentwicklung.

Ich empfahl ihm, nach einer kompakten Sucherkamera Ausschau zu halten, zB eine Olympus XA oder eine Trip35, oder, oder…

…. „ob da auch ein Blitz eingebaut ist ?“, unterbrach er meinen Monolog.
Ok, jetzt hatte er mich. Ich schlug ihm als nächstes die Olympus µ[mju:] vor, die ich neben den zuerst genannten auch besitze, und scannte sofort mal den Markt. (natürlich mit dem Smartphone ☺)

Und… meine Begeisterung schwand so schnell, wie sie kam.

Die Preise für solche über Jahre benutzten, ramponierten und zerkratzten Angebote waren einfach nur frech. Damit konnte ich jedenfalls nichts überzeugendes gegen seine Wegwerfkamera anbringen. Es war eine Schande. Wir verabschiedeten uns dann ohne irgendein Ergebnis, was mich doch ziemlich ärgerte.

 

 

SUCHE NACH ALTERNATIVEN

Ich war herausgefordert. Konnte das wirklich wahr sein ? Gab’s wirklich keine (günstigere) Möglichkeit diesem jungen Talent die ganze Welt der Analogen Fotografie zu eröffnen ? Glauben konnte ich das nicht. Die Krux dabei: Durch das jahrelange Lesen von Foren, Tests und Reviews, steigendem Wissen und Anspruch, Nutzung von modernsten Digitalen und auch alter aber hochwertiger analoger Feinmechanik, musste ich feststellen, dass ich mich mit Sucherkameras nicht wirklich auskenne. Und ich konnte auch nicht die Bedürfnisse von jungen Leuten, wie meinen Englisch Trainer nachvollziehen, die einfach nur Spaß haben wollten und Freunde und Familie im Urlaub analog abzulichten. Einfach weil diese Art zu fotografieren nicht mehr meine ist. Ich will eben hochwertiges Glas und Technik, und die Möglichkeit den Belichtungsprozess zu beeinflussen.

 

REDUZIERUNG DER ANSPRÜCHE

Gibt es eine Sucherkamera, die so billig ist wie eine Wegwerfkamera, aber so Leistungsfähig wie eine µ[mju:]?

Nach seitenlangem Scrollen vorbei an diesen nicht in Frage kommenden “Hanimex”, “Inst Plus”, “Chinon”, “Panorama”, “Vivitar” und “Praktica” und auch viel zu teuren Exemplaren hochqualitativer Marken wie zB. der Contax T2/T3 , stolperte ich über eine kleine weiße Canon Prima Mini.

Canon Prima Mini - Right edge

Canon Prima Mini – Right edge

Eine wirklich hübsche, sportlich aussehende Kompaktkamera. Ok, mit Canon Kameras kenn ich mich nun gar nicht aus, aber mit ihren Spiegelreflexkameras macht Canon ja nun keinen schlechten Job.

Fotos auf Flickr, mit dieser Kamera geschossen, sahen recht vielversprechend aus, also bot ich. Das ist nebenbei gesagt, keine schlechte Idee um die Leistung von Kameras und Objektiven zu beurteilen. Bilder sprechen lassen!

3, 2, 1, meins! Für 1€ & porto bekam ich den Zuschlag.

Ein paar Tage später hielt ich die kleine Canon in der Hand, schaute durch den winzigen Sucher und fragte mich, wie sie wohl im Vergleich zur og. misslungenen, ersten Empfehlung, der viel teureren Olympus µ[mju:] abschneiden würde. So entstand der Plan, diese beiden Kompakten aus den Neunzigern im direkten Vergleich gegeneinander antreten zu lassen.

 

 

ÜBERBLICK UND BEDIENUNG

Olympus MJU vs the Canon Prima Mini - Side by side

Olympus MJU vs the Canon Prima Mini – Side by side

Beide sind ganz typische Vertreter dieser Kameraklasse aus den Neunzigern und vergleichbar ausgestattet.

  • Plastikgehäuse
  • 1x 3V Batterie
  • Vollautomatischer motorgetriebener Filmtransport
  • Autofokus und Programmbelichtung
  • DX-kodierte ISO Einstellung (Filmdosen ohne DX Code belichten die Kameras mit 100 ISO)
  • Eingebauter Blitz
  • Winzige Sucher
  • Spartanisches LCD Display (Olympus), ein paar LEDs and Knöpfe

Beide sind mit leichten Weitwinkelobjektiven bestückt und bieten eine weiteste Blendenöffnung von f3,5. Die µ[mju:] kommt mit einer 35mm- , die Prima mini mit 32mm-Brennweite.
Das war’s. Für weitere technische Details, folgt diesen links.

Der größte offensichtliche Unterschied ist der Objektivschutz der Olympus, der die Kamera beim Öffnen auch gleich anschaltet. Ein wirklich cooles Merkmal, ursprünglich 1979 von Olympus’ genialem Ingeneur Y. Maitani für die legendäre Olympus XA erfunden. Immerhin ist das Canon Objektiv durch einen eingebauten UV Filter geschützt. Trotzdem würde ich empfehlen, die Prima Mini in einer Tasche zu transportieren.

Beide sind als Vollautomaten konzipiert, bieten aber dennoch die Möglichkeit zB. den Blitz auszuschalten oder eine “Aufhellen” – Funktion zu nutzen. Die Bedienung ist hier ein wenig unterschiedlich. Während die µ[mju:] die Kontrolle der Blitzeinstellung über das LCD Menü zulässt (jeder Druck auf den Knopf schaltet einen Menüschritt weiter), und diese Einstellung auch bis zum Ausschalten speichert, benötigt die Canon den Druck auf einen der Knöpfe während der Auslösung ! Das ist ein wenig knifflig, nicht so komfortabel wie bei der Olympus, aber es funktioniert. Trotzdem: 1:0 für Olympus für die Bedienung.

 

 

Shooting experience

Um beide so fair wie möglich zu vergleichen, habe ich in jede den gleichen Film eingelegt, den ich mal im Bündel bei eBay erstanden habe. Einen abgelaufenen, aber gekühlt gelagerten AGFA Portrait 160 mit 12 Bildern. So konnte ich beide Filme während eines kurzen Spaziergangs rund um Berlin’s wohl belebtesten Platz, den Alexanderplatz und einer der dortigen U-Bahn Sationen, der U5, belichten.

Olympus MJU vs the Canon Prima Mini - Side by...er, side

Olympus MJU vs the Canon Prima Mini – Side by…er, side

Auf der Suche nach geeigneten Motiven, stolperte ich für rund eine Stunde auf diesem geschäftigen riesigen Platz und der U-Bahn herum. Und hier gab es bereits die erste kleine Überraschung. Die µ[mju:] quetschte noch ein Bild mehr aus dem mit 12 Bildern angegebenen AGFA Film heraus! Das erlebte ich auch schon früher, wenn wir Urlaubsbilder abholten. Immer ein oder sogar zwei Bilder mehr, als auf der Filmdose angegeben. Leichter Vorteil für Olympus.

Nach dieser Shooting-Session gab ich die Filme gleich in einem Drogeriemarkt unten im Bahnhof zur Entwicklung ab. (Ok, wie ihr später sehen werdet, doch nicht ganz sofort. Erst brauchte ich noch ne kleine Pause ☺)

Dieser Drogeriemarkt gehört zu einer der größten Drogerieketten Deutschlands, und würde meine Filme zu einem der größten Fotolabore Deutschlands senden. Nämlich CEWE. Mein Plan war: Dort würden nur Maschinen meine Filme bearbeiten. Alle Arbeitsschritte sind vollautomatisch und programmiert. Kein menschlicher Faktor würde den Entwicklungsprozess oder das Scannen beeinflussen. So müssten die Ergebnisse so vergleichbar wie möglich werden.

Eine Woche später hielt ich für ein paar Euro zwei CDs und jeweils einen Stapel Abzüge pro Film in den Händen. Alles zusammen für weniger als ich üblicher Weise für nur einen Film und ohne Abzüge beim sonst genutzten Fachlabor bezahle. Das ist mal ein Angebot.

 

 

BEURTEILUNG DER BILDER

Ok, lasst uns über den meiner Meinung nach wichtigsten Aspekt bei Kamerabeurteilungen sprechen..Bilder.

Als erstes zählt natürlich Inhalt und Komposition. Das ist aber Geschmackssache, und deshalb werde ich das hier nicht bewerten.

Aber verlässliche Aussagen über die Qualität und das Leistungsvermögen von Objektiven und Kameras, also zB. wie zuverlässlich die Belichtung funktioniert, oder wie scharf die Objektive wirklich sind, erhält man nur über die damit geschossenen Bilder. Also schauen wir uns doch mal ein paar der Ergebnisse dieser beiden Kleinstkameras an. Olympus links, Canon rechts.

Canon Prima Mini - Weltzeituhr

Canon Prima Mini – Weltzeituhr

Als ich nun ungeduldig die Umschläge bereits im Drogeriemarkt für eine erste Sichtung öffnete, musste ich leider ein paar unscharfe Bilder der Olmpus feststellen ☹ . Was zum Geier war denn hier los? Ok, erst mal ruhig Blut und zu Hause die Scans betrachten. Leider waren die Scans auch nicht besser. Im Gegenteil. Es schien, als würde die kleine Olympus nicht mehr präzise auf unendlich stellen. Alles in der näheren Umgebung war scharf wie erwartet, alles andere mehr oder weniger unscharf.

Sehr ärgerlich!

Weil ich aber die Möglichkeiten der µ[mju:] aus der Vergangenheit kenne , entschloss ich mich den Vergleich dennoch weiter zu führen. Es scheint irgendwas nicht mehr richtig zu funktionieren oder kaputt gegangen zu sein , während sie so lange ungenutzt zu Hause im Schrank lag. Ich werde das später mal prüfen.

Olympus oben, Canon unten

Canon Prima Mini - Endstation

Canon Prima Mini – Endstation

Also lasst uns eben den Rest der Bilder anschauen und über Portraits reden. Wie man sieht, sind die Bilder des Engels nicht so ähnlich wie ob der verbauten Brennweiten zu vermuten wäre. Während der Unterschied zwischen beiden Objektiven mit 3mm auf dem Papier nicht viel erscheint, ist die Wirkung doch sichtbar unterschiedlich. Mit der Olympus kommt man etwas näher dran und erhält etwas mehr Bokeh im Hintergrund.

Und beachtet die Farben. Wie ich oben erwähnte, habe ich für beide die gleiche Filmemulsion und den selben Entwicklungs-, Scann- und Druckprozess gewählt. Trotzdem sind die Farben etwas unterschiedlich. Das könnte mit dem eingebauten UV-Filter der Canon zusamenhängen. Die Farben der Olympus sind imVergleich etwas rötlicher; die der Canon wirken auf mich etwas natürlicher. Leider hab ich keine echten Portraits aufgenommen, sodass wir Hauttöne nicht beurteilen können…

Doch moment mal… eins hab ich am Ende meines Spaziergangs doch noch geschossen… ☺

Canon Prima Mini - "Potrait"

Canon Prima Mini – “Potrait”

Hier ein ähnliches Ergebnis bei Nahaufnahmen . Beide Kameras sind jetzt nicht wirklich makrotauglich, aber mit der Olympus kommt man doch näher an die Blume am Wegesrand heran.

(Man beachte die “Blume” an meinem Wegesrand ☺ )

 

 

BELICHTUNG UNTER SCHLECHTEN LICHTVERHÄLTNISSEN

Canon Prima Mini - Low light performance

Canon Prima Mini – Low light performance – Olympus top, Canon bottom

Letzter Punkt: Belichtung unter schlechten Lichtverhältnissen, mit und ohne Blitz. Wie man oben links beim Foto der Olympus ohne Blitz erkennen kann, erscheint alles sehr körnig und die dunklen Farben im Bild sind eher gräulich und nicht so klar und kontrastreich wie beim Foto darunter.
Das hat zwei Gründe.

Die längste Belichtungszeit der Olympus beträgt lediglich 1/15s, während die Canon bis zu 2 Sekunden belichten kann.

Dadurch ist das Foto der Olympus deutlich unerbelichtet. Der Scanner im Labor versucht das auszugleichen, und so enstehen diese “abgesoffenen” Schatten, und schwarz wird nicht richtig schwarz, sondern eher dunkelgrau abgebildet.

Auf dem unteren rechten Foto der Canon mit vollem Blitz sieht man, dass die Wand der Treppe bis hinunter zur letzten Stufe gut ausgeleuchtet wird. Hut ab !

Klarer Vorteil für Canon

Zusammenfassend können wir folgendes Urteil über die Ergebnisse der beiden kleinen Kompaktkameras abgeben:

Bedienung: geht an Olympus

Bildqualität und -eindruck: während man mit der Olympus näher an die Motive herankommt , und sie das schönere Bokeh im Hintergrund erzeugt, bekommt man mit der Canon mehr auf’s Bild und etwas realisterischere Farben. Das ist eine Frage des Geschmacks, würd‘ ich sagen. Der eine möchte vielleicht mehr Portraits fotografieren, während der nächste Landschaften und Architektur mag. Die Leistungen der verbauten Objektive sind in Bezug auf Schärfe, Vignettierung und Verzeichnung vergleichbar.
Vielleicht etwas mehr Kontrast auf den Fotos der Canon, aber in allem doch ausgeglichen. Punkt für beide.

Jedoch: der Punkt für die Leistungen bei schlechten Lichtverhältnissen geht klar an die Canon.

 

 

ERGEBNIS

Die Frage war: Gibt es eine Sucherkamera, die so billig ist wie eine Wegwerfkamera, aber so Leistungsfähig wie eine µ[mju:]?

Die Antwort lautet definitiv: JA!

Als langjähriger Olympus Fan, und Nutzer von Olympuskameras seit den Achtzigern, Besitzer von einigen Geniestreichen dieses Herstellers, wie zB. der XA, der Pen Ft oder der unglaublichen Messsucherkamera 35SP und natürlich auch der hier betrachteten µ[mju:], muss ich zugeben: Ja, die gibt es !

Erinnern wir uns an den Anfang dieses Vergleichs. Vorrangig habe ich einen adäquaten Ersatz für eine Wegwerfkamera gesucht ! Und für diesen Fall ist die kleine Prima Mini eine wirklich ernst gemeinte Empfehlung. Falls jemand eine lächerlich günstige, durchaus ernst zu nehmende kleine analoge Imerdabei sucht, sollte nicht zögern und statt der viel teureren bekannteren Konkurenz diese kleine Kompakte mal anschauen.

Wer mich fragt, ob ich meine Olympus µ[mju:] für viel Gled zur Reparatur bringen würde, um das Problem mit dem Autofokus beseitigen zu lassen…. Natürlich nicht. Und falls die kleine µ[mju:] nicht mehr zu reparieren wäre, würde ich mir eine neue gebrauchte zulegen µ[mju:] ? Auch nicht. Stattdessen würde ich mir ebenfalls so eine unterschätzte Prima Mini für einen Euro plus Porto besorgen. (Was mir in der Zwischenzeit auch bereits gelingen ist)

Diese kleine weiße hier ging jedenfalls als Abschiedsgeschenk an unseren jungen Enlischlehrer. Er hat sich sichtlich darüber gefreut, jedoch hatten wir leider seitdem noch keinen Kontakt. Ich frage mich, wie seine Erlebnisse mit dieser kleinen bisher so waren. Ich werde ihm wohl mal den link zu diesem Review senden, hoffe aber, dass er nicht allzu beschämt über die englische Version dieses Textes sein wird. Ich kann jedenfalls versichern, dass das nichts mit seinen Qualitäten als Lehrer zu tun hat ☺

~Andreas Zieroth

 

 

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